Freitag, 28. April 2017

Ökonomische Ideen, die man vergessen kann

Zum Beispiel: Individuen arbeiten mehr und besser, je mehr Lohn sie erhalten.

Das ist einem Buch zu entnehmen, das Konzepte aus den Wirtschaftswissenschaften auflistet, die man eigentlich vergessen sollte. So auch der Titel des Buches:

Economic Ideas you Should Forget
(Springer 2017)
Herausgegeben von Bruno S. Frey und David Iselin

Die beiden Wissenschaftler haben in diesem Buch viele theoretische Altlasten zusammengetragen, die die ökonomische Theorie noch immer mit sich herumschleppt und die von vielen Gutgläubigen auch noch immer brav weitergegeben werden.
So auch der scheinbar unausrottbare Glaube an die motivierende Wirkung von Entgelt, in welcher Form auch immer. Was wurde nicht schon alles über die negative Wirkung ausschließlich extrinsischer und die Notwendigkeit intrinsischer Motivation geschrieben? Dennoch halten viele Unternehmen und die in ihnen dafür verantwortlichen Personalleute an variablen Vergütungs-, Prämien- und Zielvereinbarungssystemen fest. Der Gedanke ist natürlich verlockend einfach: Versprich dem Mitarbeiter eine Belohnung und er arbeitet. Versprich ihm, dass er mehr bekommt, wenn er mehr arbeitet und er wird sich noch mehr anstrengen. In bestimmten Situationen und für eine begrenzte Zeit funktoniert es auch manchmal. Aber nicht auf Dauer und nachhaltig - aber wie gesagt, darüber wurde schon an vielen anderen Stellen geschrieben und auch geredet.
Nun wird auch in diesem Werk nochmals darauf hingewiesen, dass man diesen Irrglauben vergessen sollte. Wie auch im übrigen viele andere Ideen - auch deshalb eine interessante Lektüre.
Ob sie etwas nützt?

 

Montag, 24. April 2017

Sozialwahlen

Überflüssige Prozeduren

Es ist wieder soweit. Mit ziemlich großem Aufwand wird für die Teilnahme an den Sozialwahlen getrommelt. Doch wie bei den Wahlgängen zuvor, wird die Propaganda kaum zur Kenntnis genommen. Die Wahlbeteiligung bleibt gering. Offensichtlich ist den Wählern Bedeutung und Sinn dieser Wahlen nur schwer zu vermitteln.
Warum überdenkt man nicht einfach mal das System der sogenannten Selbstverwaltung der Sozialversicherungsträger? Einfach einmal die Frage stellen, was würde sich in der deutschen Sozialversicherung ändern, wenn es dieses Element der (Schein-) Demokratisierung nicht gäbe? Sehr wahrscheinlich recht wenig. Außer dass die betroffenen Unternehmen Geld und Zeit sparen würden, die sie für ihr Kerngeschäft wirkungsvoller einsetzen könnten. Denn der Betrieb der Selbstverwaltungsorgane generiert erheblichen bürokratischen Aufwand.

Montag, 10. April 2017

Seien sie bloß nicht authentisch!

Oder wollen sie, dass der Polizeibeamte bei der nächsten Kontrolle ihnen gegenüber so auftritt, "wie er wirklich ist", oder die Verkäuferin, bei der sie nicht wissen, für welches Paar Schuhe sie sich entscheiden sollen?
Sie erwarten von den Menschen, die ihnen gegenüber in bestimmten Funktionen auftreten, dass sie sich entsprechend verhalten. Der Polizeibeamte genauso wie die Verkäuferin sollen sich ihrer Rolle gemäß verhalten. Und zwar so wie die Anforderungen an die Rolle des Polizisten oder die der Verkäuferin es vorsehen. Der Polizist kann sich im Dienst nicht so verhalten, wie in seiner Rolle als Karnevalist, die er in seiner Freizeit ausübt, oder als Liebhaber seiner Partnerin.

Freitag, 7. April 2017

Arbeitswelt 4.0 - Verheißung oder.......

"Wenn eine Arbeitnehmerin am Abend nach dem Kinobesuch in der S-Bahn noch schnell einige E-mails beantwortet, muss sie die Arbeit am kommenden Morgen um 8 Uhr wieder aufnehmen können. Das entspricht der Lebenswirklichkeit und der Vorstellung vieler, insbesondere junger Menschen."
Dieses Zitat ist ein Kommentar der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände entnommen aus dem Weissbuch Arbeiten 4.0 des Bundesarbeitsministeriums. Es steht als Randnotiz im Kapitel Gestaltungsaufgaben für zukünftige Arbeitszeitregelungen.
Prägnanter als in den zwei Sätzen dieses Zitats kann man die aktuelle Situation und den Trend, wohin die Reise geht, kaum charakterisieren.
Verblüffend, um nicht zu sagen erschreckend, ist die Nonchalance, mit der die Arbeitgeber hier über die "Lebenswirklichkeit vieler, insbesondere junger" Menschen urteilen. Zum einem muss man fragen, ist das schon die Lebenswirklichkeit vieler und zweitens, wenn es so ist, ist es dann wirklich so gewollt?
Diese Haltung fällt bei vielen Veröffentlichungen über die jüngeren Generationen auf. Sie werden locker als Digital Natives bezeichnet, die mit den neuen Technologien wie selbstverständlich umgehen und denen es deshalb auch nichts ausmacht, quasi rund um die Uhr digital verfügbar zu sein. Manchmal gewinnt man sogar den Eindruck, sie seien geradezu scharf darauf, an jedem Ort und zu jeder Zeit arbeiten zu können und ihr Leben gänzlich dem Rhythmus der Arbeit anzupassen. Der Kinobesuch wird gönnerhaft gestattet, aber auf dem Rückweg sind dann gefälligst die Mails zu bearbeiten. Mit Recht weist das Weissbuch auch auf die gesundheitlichen Gefährdungen hin, die durch eine solche Entgrenzung von Arbeits- und Privatsphäre entstehen können.
Gleichzeitig macht das Zitat aber auch die Schwierigkeit künftiger Arbeitszeitregelungen deutlich. Die Beschäftigten wollen ja tatsächlich möglichst weitgehend über ihre Arbeitszeit bestimmen und nicht daran gemessen werden, wie lange sie im Büro sitzen. Die Arbeitszeit mit dem Familienleben abstimmen zu können ist eine feine Sache. Wenn das Pensum aber so groß ist, dass Papa oder Mama abends, nach dem die Kleinen im Bett sind, noch Mails beantworten müssen, ist es mit Freizügigkeit und Selbstbestimmung vorbei.
Was kann hier ein Gesetz regeln?  Kein Arbeitszeitgesetz dieser Welt kann verhindern, wenn aus Interesse an der Arbeit - gibt es tatsächlich - aber auch aus Opportunismus, Karriereehrgeiz, Gruppendruck oder sonstigen subtilen Mechanismen die Beschäftigten sich verpflichtet fühlen, über die normale Arbeitszeit hinaus zu arbeiten. Über "Mehrarbeit" aus diesen Gründen hört man auch keine Klagen - und wenn, dann nur dezent.
Da es aber angesichts der aktuellen Entwicklungen naiv wäre auf eine Art Selbstheilungskräfte der digitalen Technik zu hoffen oder gar auf zunehmende Sorge um die Mitarbeiter bei den Arbeitgebern, kommen wir ohne (Schutz-)Regelungen nicht aus. Nur sollte sich ein Gesetz hier auf die notwendigsten Rahmenbedingungen beschränken und stattdessen die Unternehmen verpflichten tarifvertraglichen Regelungen beizutreten oder entsprechende betriebliche Vereinbarungen abzuschließen.


Montag, 3. April 2017

Selbstbestimmte Arbeit

Mehr Gerede als Wirklichkeit

Der schwedische Wirtschaftswissenschaftler Brunsson hat bereits vor vielen Jahren festgestellt, dass unternehmerische Selbstbeschreibungen "Fassadenpräsentationen" sind, die oft weng mit dem zu tun haben, was sich auf der betrieblichen "Hinterbühne" ereignet. Im Gegenteil, je mehr nach außen darüber geredet wird, desto mehr Handlungsbedarf besteht im Inneren. Er hat diesen Befund sinnigerweise im Rahmen der Einführung demokratischer Führungsstrukturen in schwedischen Unternehmen beobachtet. Auch wenn sich im Unternehmen diesbezüglich wenig verändert hat, waren die Plädoyers für mehr Demokratie nach außen um so intensiver. (Zit. nach OE Ausg.1/17)
Diese Erkenntnis würde sich sehr wahrscheinlich auch bestätigen, wenn man die vollmundigen Sprüche aus dem Personalmarketing vieler Unternehmen an der innerbetrieblichen Wirklichkeit messen würde.
Noch mehr zeigt sich dieses Phänomen nach meiner Ansicht in der Vielzahl von Verlautbarungen, die von der zunehmenden Selbstbestimmung der Beschäftigten reden. Die realistischeren von ihnen beschwören wenigstens nur, dass die Arbeit der Zukunft nur von weitgehend selbstbestimmt und selbständig arbeitenden Menschen bewältigt werden kann. Manche aber tun so, als sei das gewissermaßen eine automatische Entwicklung. Im Gleichschritt mit der technischen Entwicklung entwickeln sich auch die Arbeitsbedingungen weiter. Für die Romantiker unter den Gurus der Arbeitswelt wendet sich damit alles zum Guten.
Glücklicherweise gibt es jedoch auch immer wieder Veröffentlichungen, die den Blick in die realen Arbeitsbedingungen nicht scheuen. Und dort ist von vielen prekären Arbeitsverhältnissen die Rede, von immerwährenden Umgehungen des gesetzlichen Mindestlohnes, von vielen Arbeitsverhältnissen auf Abruf, von Entgrenzung zwischen Arbeits- und Privatsphäre und von zunehmender Rationalisierung der Büroarbeit durch Zerlegung in kleinere Arbeitsschritte. Gerade der letzte Punkt zeigt deutlich, dass es aktuell eher in eine andere Richtung geht. Der Trend geht mehr hin zu Standardisierung und Automatisierung so vieler Arbeitsschritte wie möglich. Parallel dazu gibt es den Trend der möglichst allumfassenden Vermessung der Arbeit. So viele Prozesschritte wie möglich werden mit Messgrößen belegt. Dahinter steckt die Absicht, die Arbeitschritte kontinuierlich zu optimieren.
Wenn die Arbeit über Kenngrößen gesteuert wird und das Ziel heißt "kontinuierliche Verbesserung", dann bleibt für Selbstbestimmung wenig Raum. Wenn sie Glück haben, bleiben den Mitarbeitern im Rahmen der Vorgaben gewisse Entscheidungsfreiheiten.
"Abhängige" Arbeit als "Arbeitnehmer" ist zum größten Teil immer fremdbestimmt und aktuell sieht es so aus, als ob dieser Anteil mehr und mehr ausgedehnt wird.